Werktitel: recto: Hirschkuh mit Jungem IV, um 1931 (Stanislaw Kubicki)
Inventarnummer: K-1789
Größe/Material: 100 × 80 cm/Öl auf Holz
Merkmale: -

Alles in seinem Bild – die Tiere, die Landschaft und den Hintergrund – führt Stanislaw Kubicki im Sinne des Kubismus auf eckige und spitzwinklige Flächen zurück. Kleine, zumeist quadratische Flecken verleihen ihnen eine Binnenstruktur. Mal heller, mal dunkler, rufen sie den Eindruck von Licht und Schatten hervor. Fließende Übergänge schafft Kubicki insbesondere im unteren Bereich des Bildes und veranschaulicht so die Strukturen des Waldbodens. Scharf gegen den Hintergrund abgegrenzt ist die Hirschkuh, deren Körper die größte, dazu weitgehend unstrukturierte Form im Bildganzen bildet. Drei winklig gebrochene Geraden reichen Kubicki, um den Rücken und den Hals der Kuh darzustellen. Ein Bein grazil abgespreizt, beugt sie sich zum Kalb herab. Sie blickt es aus halbrunden Augen an und nimmt seinen Geruch auf. Die Formen des Kalbes sind vielfach gebrochen und kleinteiliger als die der Kuh. Kopf und Rumpf können nicht eindeutig benannt werden. Lediglich drei Beine sind auszumachen, das eine annähernd parallel zu dem der Mutter geführt, die beiden anderen in die gegenläufige Richtung. Die mittleren bilden in ihrer Verlängerung ein spitzwinkliges Dreieck, das auf die Kuh zeigt, womit Kubicki die Bindung von Muttertier und Kalb formal unterstreicht.
Nach einem abgebrochenen Architekturstudium wechselt Kubicki 1910 an die Königliche Kunstschule in Berlin. Kurz darauf lernt er seine zukünftige Frau, die Künstlerin Margarete Schuster, kennen. Während des Ersten Weltkrieges unter anderem in Posen stationiert, knüpft Kubicki Kontakte zu polnischen Kulturschaffenden, die auch nach dem Krieg fortbestehen. Er beteiligt sich an deutschen und polnischen Zeitschriften und Künstlergruppen. Zudem stellt er in beiden Ländern aus, wobei er seinen um 1920 entwickelten kubistischen Stil zwar variiert, ihm aber letztlich treu bleibt. Aus politischen Gründen emigriert Kubicki 1934 nach Polen, während seine Frau in Berlin bleibt. Um die Familie zu schützen, lässt sich das Paar 1937 scheiden, bleibt aber weiterhin in Kontakt. 1940 tritt Kubicki dem polnischen Widerstand bei. Er wird von der Gestapo verhaftet und stirbt wahrscheinlich im Januar 1942 an den Folgen der Folter.
+ PROVENIENZ
| 1931 bis Juli 2022 | Nachlass des Künstlers Stanislaw Kubicki (1889-1942), Berlin |
| 7.7.2022 | Heidi Horten, Wien, erworben von Lehr Kunstauktionen, Berlin |
| 2022 | HGH Vermögensstiftung |